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Was ist Anhydritestrich und wo darf er hin?

Veröffentlicht am , zuletzt aktualisiert am

Anhydritestrich ist ein Estrich, der mit Gips statt mit Zement bindet. Er wird im Werk gemischt, auf die Baustelle gepumpt und ist schon nach etwa 24 Stunden begehbar. Im Wohnraum braucht er nur 35 statt 45 Millimeter Dicke und ist bei einem CM-Wert von 0,5 Prozent trocken genug für den Belag. Dauerhaft nass werden darf er nicht.

Marktanteil von Anhydritestrich in Deutschland
rund 30 Prozent, etwa 20 Millionen Quadratmeter im Jahr
Hinweise der Estrichindustrie (VDPM/IGE), Stand 1. Oktober 2022
Erlaubte Restfeuchte beim Belegen
höchstens 0,5 CM-Prozent, beheizt und unbeheizt
Hinweise der Estrichindustrie zu Fußbodenheizung (VDPM/IGE), Stand 1. Oktober 2022
Wie schnell er begehbar ist
nach etwa 24 Stunden begehbar, nach 48 Stunden teilbelastbar
Planungshinweise der Estrichindustrie (VDPM/IGE), Stand 1. Januar 2021
Glatter heller Anhydritestrich in einem hellen Raum im Rohbau
Anhydritestrich liegt sehr glatt und braucht meist wenig Nacharbeit. Bild: KI generiert.

Anhydritestrich bindet mit Gips statt mit Zement

Estrich ist die Schicht unter dem Bodenbelag, die Lasten verteilt, die Fußbodenheizung trägt und auf der Dämmung liegt. Bei den meisten Estrichen ist das Bindemittel Zement. Bei Anhydritestrich ist es Gips, chemisch Calciumsulfat genannt, Anhydrit ist die wasserfreie Form von Gips. Weil früher fast immer dieser Naturanhydrit als Bindemittel diente, heißt der Estrich bis heute Anhydritestrich, auch wenn Fachleute ihn inzwischen meist Calciumsulfatestrich nennen.

In Deutschland ist er kein Nischenprodukt. Rund 30 Prozent aller Estrichflächen entstehen als Anhydrit-Fließestrich, das sind etwa 20 Millionen Quadratmeter im Jahr, in Wohnhäusern genauso wie in Büros, Schulen, Museen und Flughäfen. Ob ein Estrich schon einen Belag tragen darf, zeigt eine Messung mit einem Gerät, das eine Probe unter Druck setzt und daran den Wassergehalt abliest, angegeben als CM-Prozent.

Der Unterschied zum Zementestrich liegt im Abbinden. Der Gips lagert das Wasser in seine Kristalle ein und härtet dabei fast ohne Spannung aus. Zement dagegen schwindet, weil überschüssiges Wasser verdunstet. Aus diesem einen Unterschied folgen fast alle Vorteile und die eine Grenze von Anhydritestrich: Er bleibt eben und braucht kaum Fugen, verträgt aber keine dauerhafte Nässe. Den vollständigen Vergleich mit Zementestrich finden Sie in einem eigenen Artikel.

So kommt Anhydritestrich vom Werk auf Ihre Baustelle

Anhydritestrich besteht aus drei Zutaten: Gips als Bindemittel, mineralischer Gesteinskörnung und Wasser. Als Gips dient entweder Naturanhydrit, der wenig Energie zur Aufbereitung braucht, oder ein Nebenprodukt aus Kraftwerken, das natürliche Vorkommen schont. Anders als Zementestrich, der meist direkt auf der Baustelle gemischt wird, entsteht Anhydritestrich in computergesteuerten Werken unter laufender Kontrolle.

Auf die Baustelle kommt er als Trockenmörtel im Silo oder Sack, als Mischung im Mixmobil oder fertig im Fahrmischer. Der flüssige Mörtel wird auf den vorbereiteten Boden gepumpt, verteilt sich von selbst nahezu eben und wird mit einer Stange entlüftet und glattgezogen. Eine Kolonne baut so mehr als 1.000 Quadratmeter am Tag ein, auch über weite Strecken und mehrere Stockwerke.

Im Wohnraum braucht Anhydritestrich mindestens 35 Millimeter Dicke, eingebaut wird er ab 5 Grad Raum- und Mörteltemperatur, und begehbar ist die Fläche nach etwa 24 Stunden. Bei Fußbodenheizung darf frühestens nach 4 bis 7 Tagen aufgeheizt werden.

Anhydritestrich in Zahlen, nach Merkblättern der Estrichindustrie und Verlegerverbänden.
KennwertWert
Dicke im Wohnraummindestens 35 Millimeter
EinbautemperaturRaum und Mörtel mindestens 5 Grad, über 30 Grad Außentemperatur besser nicht einbauen
Begehbar / teilbelastbaretwa 24 Stunden / 48 Stunden
Aufheizen bei Fußbodenheizungnach 4 bis 7 Tagen
Erlaubte Restfeuchte beim Belegen0,5 CM-Prozent, unter Parkett auf beheiztem Estrich oft 0,3
Probenmenge für die CM-Messung100 Gramm (bei Zementestrich 50 Gramm)
Höchste Dauertemperatur55 Grad
Randstreifen an den Wändenmindestens 8 Millimeter, beheizt 10 Millimeter

7 Eigenschaften unterscheiden ihn von Zementestrich

  • Dünner: Die hohe Belastbarkeit erlaubt bis zu 20 Prozent weniger Dicke, im Wohnraum 35 statt 45 Millimeter. Die gesparte Höhe geht in die Dämmung, das geringere Gewicht hilft im Altbau.
  • Kein Hochstehen an den Rändern: Weil er beim Trocknen kaum schwindet, bleiben Randfugen gleichmäßig und Silikonfugen im Bad reißen nicht nach.
  • Keine Zusatzbewehrung: Auch unter Fliesen und Naturstein braucht er wegen der geringen Rissneigung keine Matten oder Fasern.
  • Wenige Fugen: Neben den Fugen am Bauwerk selbst nur Randfugen und bei großen Flächen oder Fußbodenheizung Bewegungsfugen.
  • Sehr eben: Weil er fließt und sich nicht aufwölbt, entstehen ebene Flächen, gut für großformatige Fliesen und mit wenig Spachtelmasse.
  • Gute Wärmeleitung: Er umschließt Heizrohre lückenlos und gibt Wärme schnell an den Raum ab, was Wärmepumpen mit niedriger Vorlauftemperatur entgegenkommt.
  • Schnell begehbar: Nach etwa 24 Stunden begehbar, nach 48 Stunden teilbelastbar, sodass andere Handwerker meist schon am nächsten Tag weiterarbeiten. Zementestrich braucht dafür 2 bis 3 Tage und volle 10 Tage bis zur vollen Belastung.

Diese Eigenschaften erklären, warum Planer Anhydritestrich bei Fußbodenheizung und offenen Grundrissen oft bevorzugen. Sie erklären aber nicht seine Grenzen, und die entscheiden bei der Raumwahl mehr als jeder Vorteil.

Anhydritestrich darf ins Bad, aber nicht ins Schwimmbad

Anhydritestrich ist nicht wasserempfindlich, aber auch nicht wasserfest. Eine vorübergehende Durchfeuchtung, etwa durch einen Wasserschaden, schadet ihm meist nicht: Nach dem Trocknen hat er seine Eigenschaften zurück. Länger anhaltende oder wiederholte Nässe kann dagegen den Belag lösen, und über Jahre hinweg verliert der Estrich dabei Festigkeit.

Daraus folgen vier klare Verbote: kein Einbau im Freien, keine Garagen, keine Nassräume wie Schwimmbäder, Gemeinschaftsduschen oder gewerbliche Küchen, und keine Duschzonen mit Gefälle. Ein Gefälle kann er ohnehin nicht bilden, weil er sich beim Einbau waagerecht verteilt. Dazu kommt eine Temperaturgrenze von 55 Grad, die ihn aus Gießereien und Dampfbereichen ausschließt.

Erlaubt sind dagegen häusliche Feuchträume mit normaler Luftfeuchte: Bäder, Küchen, Hauswirtschaftsräume, Keller und auch Bäder mit Bodenablauf oder bodengleicher Dusche außerhalb des eigentlichen Gefällebereichs. Bedingung ist eine Abdichtung von oben, weil im Bad mit Spritzwasser zu rechnen ist. Diese Abdichtung schützt vor allem die Dämmung unter dem Estrich und ist bei jeder Estrichart nötig.

Vom Rohstoff zum belegreifen Anhydritestrich in 6 Stationen
  1. Werk

    Gips, Gesteinskörnung und Zusätze werden computergesteuert gemischt und laufend geprüft. Lieferung als Silo, Sack, Mixmobil oder Fahrmischer.

  2. Baustelle vorbereiten

    Der Estrichleger gleicht Leitungen aus, verlegt die Dämmung, deckt sie mit Folie ab (Überlappung 10 Zentimeter) und setzt Randstreifen von 8, bei Fußbodenheizung 10 Millimeter.

  3. Einbau, ein Tag

    Pumpen, verteilen, mit der Stange entlüften. Raum- und Mörteltemperatur mindestens 5 Grad. Danach 24 Stunden die Fenster geschlossen halten.

  4. Trocknen ab Tag 3

    Intensiv stoßlüften, mindestens fünfmal täglich 10 Minuten. Bei Fußbodenheizung ab Tag 4 bis 7 zunächst nur die Heizung testen.

  5. Schleifen nach etwa 14 Tagen

    Bei manchen Produkten schleift der Estrichleger die dünne Oberflächenschicht ab. Den Reinigungsschliff vor dem Belag macht meist der Bodenleger.

  6. Trockenheit messen

    Der Bodenleger entnimmt 100 Gramm aus dem Querschnitt und misst mit dem CM-Gerät: höchstens 0,5 CM-Prozent, unter Parkett auf beheiztem Estrich oft 0,3.

So wird Anhydritestrich in 5 Schritten belegreif

Belegreif ist der Estrich, wenn er einen Bodenbelag dauerhaft und ohne Schäden aufnehmen kann. Bei Anhydritestrich heißt das: höchstens 0,5 CM-Prozent Restfeuchte, beheizt wie unbeheizt. Viele Boden- und Parkettleger setzen unter Parkett, Laminat und elastischen Belägen auf beheiztem Estrich weiterhin den strengeren Wert von 0,3 an. Gemessen wird mit dem CM-Gerät an einer Probe von 100 Gramm aus dem gesamten Querschnitt des Estrichs.

  1. Tag 1 und 2: Räume geschlossen halten, keine Zugluft. Der Estrich bindet ab und ist nach etwa 24 Stunden begehbar.
  2. Ab Tag 3: Mindestens fünfmal täglich alle Fenster und Türen für 10 Minuten weit öffnen, nachts wieder schließen. Im Winter zusätzlich heizen, das trocknet besser als offene Fenster im feuchten Hochsommer.
  3. Ohne ausreichend Fenster: Ab dem Zeitpunkt, an dem der Estrich begehbar ist, mit einem Kondensationstrockner und Ventilatoren arbeiten, Fenster dabei geschlossen halten. Keine Gasheizer ohne Abzug verwenden, sie erzeugen selbst Wasser in der Luft.
  4. Bei Fußbodenheizung: Erst die Heizung testen, ab Tag 4 bis 7, dann gezielt bis zum Zielwert aufheizen, beides schriftlich festhalten und dabei gut lüften. Auch ohne Heizung getrockneter Estrich muss vor dem Belag einmal aufgeheizt werden.
  5. Vorprüfung mit einer einfachen Folie oder einem elektronischen Gerät, um feuchte Stellen einzugrenzen, dann die CM-Messung am abgekühlten Estrich durch den Bodenleger. Erst bei höchstens 0,5 (oder 0,3) CM-Prozent kommt der Belag.

Die Dicke des Estrichs bleibt der größte Hebel für die Dauer: Bei doppelter Dicke braucht die Trocknung etwa drei- bis viermal so lange. Deshalb sollte der Estrich so dick wie nötig und so dünn wie möglich sein. Ein Anhydritestrich, der sicherheitshalber 10 Millimeter dicker gegossen wird, kostet Sie Wochen an Zeit.

3 Gerüchte über Anhydritestrich, und was stimmt

Gips schimmelt: Das stimmt so nicht. Anhydritestrich besteht aus Gips und Gesteinskörnung, also aus Stoffen, die Mikroorganismen keine Nahrung bieten. Wird ein Estrich dauerhaft feucht, können organische Reste wie Kleber, Farbe oder Hausstaub auf jedem Estrich von Schimmel besiedelt werden. Die Ursache ist dann die Feuchte, nicht der Gips.

Anhydritestrich enthält Holzfasern als Bewehrung: Ebenfalls ein Gerücht. Früher wurden manchen Estrichen dieser Art Holzfasern als Füllstoff zugesetzt, aber nicht als Bewehrung, und die Festigkeit stieg dadurch nicht. Heutiger Anhydritestrich braucht keine Bewehrung, weil er kaum reißt.

Nach einem Wasserschaden muss er komplett raus: In den meisten Fällen nicht. Anhydritestrich und die Dämmung darunter lassen sich trocknen, und der Estrich erhält seine Eigenschaften zurück. Schädlich ist die dauerhafte Nässe, nicht die einmalige. Ein Ausbau wird selten nötig, meist nur wegen einer beschädigten Dämmschicht.

Häufige Fragen

Was ist Anhydritestrich?

Anhydritestrich ist ein Estrich mit Gips statt Zement als Bindemittel, Fachleute nennen ihn auch Calciumsulfatestrich. Er wird im Werk gemischt und auf die Baustelle gepumpt. Nach etwa 24 Stunden ist er begehbar. Im Wohnraum braucht er nur 35 statt 45 Millimeter Dicke und ist bei einem CM-Wert von 0,5 Prozent trocken genug für den Belag.

Ist Anhydritestrich dasselbe wie Fließestrich?

Nein, Anhydritestrich und Fließestrich sind nicht dasselbe: Anhydritestrich beschreibt das Bindemittel Gips, Fließestrich die flüssige Einbauweise. In Deutschland wird zwar fast jeder Anhydritestrich als Fließestrich verarbeitet, es gibt aber auch von Hand eingebauten Anhydritestrich und Fließestrich mit Zement als Bindemittel.

Wo darf Anhydritestrich nicht verlegt werden?

Anhydritestrich darf nicht ins Freie, in Garagen, in Nassräume wie Schwimmbäder oder Gemeinschaftsduschen und nicht in Duschzonen mit Gefälle, weil er keine dauerhafte Nässe verträgt und kein Gefälle bilden kann. Dauerhaft über 55 Grad darf er ebenfalls nicht werden.

Darf Anhydritestrich im Badezimmer verlegt werden?

Ja, Anhydritestrich darf in häusliche Bäder, auch mit Bodenablauf und bodengleicher Dusche außerhalb des eigentlichen Gefällebereichs. Voraussetzung ist eine Abdichtung von oben gegen Spritzwasser, die vor allem die Dämmung darunter schützt. Der Gefällebereich der Dusche selbst braucht Zementestrich.

Wie lange muss Anhydritestrich trocknen?

Anhydritestrich ist nach etwa 24 Stunden begehbar und nach 48 Stunden teilbelastbar. Belegreif, also trocken genug für den Belag, ist er bei 0,5 CM-Prozent Restfeuchte, und wie lange das dauert, hängt von Dicke, Temperatur, Luftfeuchte und Lüftung ab. Bei doppelter Dicke dauert es etwa drei- bis viermal so lange. Bei Fußbodenheizung darf schon nach 7 Tagen aufgeheizt werden.

Schimmelt Anhydritestrich?

Nein, Anhydritestrich schimmelt nicht, weil er aus Gips und Gesteinskörnung besteht, Stoffen ohne Nahrung für Mikroorganismen. Bei dauerhafter Feuchte können organische Reste wie Kleber oder Hausstaub auf jedem Estrich von Schimmel besiedelt werden, aber die Ursache ist dann die Feuchte, nicht das Bindemittel.

Quellen und Methodik

Quellen und Lizenzen

  1. Calciumsulfat-Fließestriche, Grundlagen, Eigenschaften und Anwendungen (Merkblatt, Stand 10/2022), Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) und Industriegruppe Estrichstoffe (IGE),
  2. Calciumsulfat-Fließestriche, Hinweise für die Planung (Merkblatt, Stand 01/2021), Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) und Industriegruppe Estrichstoffe (IGE),
  3. Merkblatt 2, Trocknung von Calciumsulfat-Fließestrichen (Stand 11/2015), Industrieverband WerkMörtel (IWM) und Industriegruppe Estrichstoffe (IGE),
  4. Merkblatt 3, Calciumsulfat-Fließestriche auf Fußbodenheizung (Stand 10/2022), Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) und Industriegruppe Estrichstoffe (IGE),
  5. Änderungen der Belegreife von Calciumsulfatestrichen, Bundesverband der Gipsindustrie e.V.,
  6. TKB-Merkblatt 16, CM-Messung (Stand Dezember 2024), Technische Kommission Bauklebstoffe (TKB) im Industrieverband Klebstoffe e.V.,
  7. DIN 18560-1, Ausgabe 2021-02, Estriche im Bauwesen, Teil 1 (Inhaltsübersicht), Baunormenlexikon (DIN Media),
  8. Zement-Merkblatt B 19 Zementestrich (Ausgabe 7.2015), Tafel 17 Nutzungsbeginn und Belegreife, Verein Deutscher Zementwerke e.V. (VDZ),
  9. Estrich (Kurzzeichen nach DIN EN 13813, Calciumsulfatestrich), Fassung vom 5. September 2026, Wikipedia,

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Stand dieser Angaben: 26. September 2026.